11. Dezember 2008
Viele Industrieländer vergeben nach
Einschätzung von UNICEF die Chance, allen Kindern von klein auf die
bestmögliche Förderung zu ermöglichen. Dies ist das Ergebnis der ersten
internationalen Vergleichsstudie von UNICEF zu Kindern in Kindergärten und
anderen Kindertageseinrichtungen in 25 Industrieländern. Demnach erfüllt nur
Schweden, als einziges von 25 untersuchten Industrieländern, alle zehn von
UNICEF formulierten Mindeststandards für die jüngsten Kinder. Deutschland
erreicht auch nach Einführung des Elterngeldes lediglich maximal fünf der
Kriterien und ist damit erneut nur Mittelmaß im Vergleich von 25 Ländern. In
den OECD-Ländern werden heute über 80 Prozent der drei bis 6-Jährigen
täglich viele Stunden außerhalb der Familie betreut. Gleichzeitig steigt der
Anteil der unter 3-Jährigen in Einrichtungen kontinuierlich.
Ergänzt wird der internationale Vergleich
durch eine Untersuchung von Professor Dr. C. Katharina Spieß vom Deutschen
Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) zur Nutzung und Finanzierung
von Kindertageseinrichtungen in Deutschland. Diese weist erhebliche
regionale und soziale Unterschiede beim Zugang und der Nutzung von
Kindertageseinrichtungen nach. Neben der bekannten unzureichenden
Angebotsstruktur für unter 3-Jährige - vor allem in Westdeutschland - zeigt
sich, dass Kinder aus benachteiligten Familien deutlich seltener solche
Einrichtungen besuchen. Gerade diese Kinder würden aber am meisten davon
profitieren.
UNICEF fordert deshalb verstärkte
Anstrengungen, um alle zehn Mindeststandards zu erreichen. Alle Kinder in
Deutschland müssen die Möglichkeit erhalten, die einmaligen
Entwicklungschancen der ersten Lebensjahre zu nutzen. Dem quantitativen
Ausbau der Kinderbetreuung muss eine qualitative Weiterentwicklung
entsprechen, die den Bedürfnissen und den unterschiedlichen Voraussetzungen
der Kinder gerecht wird.
„Es gibt Fortschritte bei der frühkindlichen Förderung
in Deutschland. Doch es müssen weiter massive Anstrengungen unternommen
werden, um allen Kindern gleichwertige Bildungs- und Förderchancen
anzubieten. Das heißt auch, dass mehr Ressourcen in diesen Bereich fließen
müssen und zwar zielgerichtet“, sagte Prof. Dr. C. Katharina Spieß vom DIW
Berlin.
„Wenn es nicht gelingt, auch benachteiligten Kindern
den Zugang zu qualitativ hochwertigen Förder- und Betreuungsangeboten von
klein an zu ermöglichen, werden diese schon vor der Einschulung abgehängt“,
sagte Professor Dr. Lothar Krappmann, Mitglied im UN-Komitee für die Rechte
des Kindes und im Deutschen Komitee für UNICEF.
„Gute Kindergärten und Krippen können entscheidend zur
sozialen, emotionalen, sprachlichen und kognitiven Entwicklung der Kinder
beitragen. Hier können soziale Benachteiligungen gemildert und die Basis für
späteres schulisches Lernen gelegt werden. Die vorgeschlagenen zehn
Kriterien sind ein erster Schritt, um angemessene Mindeststandards für eine
qualitativ gute Förderung und Betreuung zu schaffen“, sagte der Autor der
Studie Peter Adamson vom UNICEF-Forschungsinstitut „Innocenti“.
Mindeststandards aus der Perspektive der Kinder
Eine hochwertige frühkindliche Betreuung und Förderung
ist kein „Produkt“, das sich leicht quantifizieren lässt. Ein
internationales Team des UNICEF-Forschungsinstituts hat deshalb zehn
Mindestkriterien aus der Perspektive der Kinder erarbeitet. Vor dem
Hintergrund neuester Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften fragen die
Wissenschaftler, ob und wie die Länder Voraussetzungen geschaffen haben, um
die besonderen Chancen der frühen Lebensjahre für die Kinder zu nutzen.
Zu den Kriterien zählen unter anderem
-
ein Jahr Elternzeit nach der Geburt bei mindestens
50 Prozent des Einkommens
-
ausreichende Angebote für unter 3-Jährige
-
eine gute Ausbildung und Bezahlung von
Mitarbeitern in Einrichtungen
-
ein Mindestpersonalschlüssel von 1 zu 15
-
Nationaler Aktionsplan mit Priorität zur Förderung
benachteiligter Kinder
-
ausreichende öffentliche Investitionen (1 Prozent
des Bruttonationaleinkommens für Kindergarten/Kindertageseinrichtungen)
-
sowie eine niedrige Kinderarmutsrate von unter 10
Prozent
Wichtige Ergebnisse
Gesamtvergleich
Im internationalen Vergleich liegen nach Schweden vor allem die
anderen skandinavischen Länder sowie Frankreich mit neun bzw. acht erfüllten
Kriterien vorn. Diese Länder stellen auch alle mindestens ein Prozent des
Bruttonationaleinkommens für die frühkindliche Betreuung und Förderung
bereit. Zum Vergleich: Deutschland gab bislang hierfür 0,4 Prozent aus, wird
diese Mittel aber erhöhen. Schlusslichter im internationalen Gesamtranking
sind Irland, Kanada (1) Australien (2), die USA, die Schweiz, Spanien und
Mexiko mit lediglich drei erfüllten Kriterien.
Unter 3-Jährige
Die Staaten der europäischen Union, darunter auch Deutschland,
haben sich das Ziel gesetzt, bis 2013 für 33 Prozent der Kinder unter drei
Jahren Betreuungsplätze anzubieten. Doch hiervon sind die meisten noch weit
entfernt. In Deutschland hat gegenwärtig etwa jedes zehnte Kind unter drei
Jahren einen Platz in einer Kindertageseinrichtung, wobei der Anteil in
Ostdeutschland deutlich höher liegt.
Ausbildung und Bezahlung
Wichtige Kriterien für die Qualität der Betreuung und Förderung sind der
Ausbildungsstand und Status der Mitarbeiter, die Bezahlung und der
Personalschlüssel. Insbesondere was Ausbildung und Bezahlung angeht, gibt es
in Deutschland zwar Bemühungen den Status von Fachkräften in diesem Bereich
anzuheben. Eine umfassende Politik für einheitliche Qualitätsstandards ist
aber noch nicht zu erkennen.
Elterngeld
Mit der Einführung des zwölf bzw. 14-monatigen Elterngeldes erfüllt
Deutschland jetzt zusammen mit sechs anderen Industrieländern ein sehr
wichtiges Kriterium. Denn für die Entwicklung der Kinder ist eine enge
Beziehung zu den Eltern im ersten Lebensjahr besonders wichtig. Die Autoren
der Studie vertreten die Auffassung, dass, von Ausnahmen abgesehen, in der
Regel eine Betreuung in einer Einrichtung erst ab einem Jahr im Interesse
des Kindes ist - vorausgesetzt diese kann die Bedürfnisse der jungen Kinder
nach einer liebevollen, sicheren, stabilen und stimulierenden Umgebung
erfüllen.
Kinderarmut
Das verfügbare Einkommen der Familien ist ein entscheidender Faktor für
kindliches Wohlbefinden. Doch nur zehn der 25 Industrieländer gelingt es,
die Kinderarmutsrate auf unter zehn Prozent zu senken. In Deutschland stehen
sogar 15 Prozent der Kinder weniger als 60 Prozent des
Durchschnittseinkommens (Median) zur Verfügung.